Hormus und der Dominoeffekt der Energiepreise: Vom Öl über Strom bis zum Gold
Die Krise rund um die Straße von Hormus ist mehr als eine Störung des Ölmarktes. Neben Rohöl passieren große Mengen Diesel, Benzin, Flugzeugtreibstoff, LPG und LNG die Route. Eine anhaltende Einschränkung des Verkehrs könnte daher eine Kette miteinander verknüpfter Energiepreisschocks auslösen. Selbst wenn die Meerenge formal offen bleibt, könnten Genehmigungen, militärische Begleitung und außergewöhnlich hohe Versicherungskosten ihre Nutzung in der Praxis stark einschränken.
Die größte Verwundbarkeit muss nicht im Rohölmangel selbst liegen. Der schnelle Ersatz fertiger Mineralölprodukte setzt freie Raffineriekapazitäten, geeignetes Rohöl, Logistik und exportierbare Lagerbestände voraus. Der eingeschränkte Betrieb nahöstlicher Exportraffinerien und der starke Rückgang russischer Dieselexporte bauen gleichzeitig den Puffer des Marktes ab. Dadurch kann bereits eine relativ kleine zusätzliche Störung eine unverhältnismäßige Preisreaktion auslösen.
Ein LNG-Ausfall könnte denselben Mechanismus verstärken. Teureres Erdgas erhöht die Kosten der gasbasierten Stromerzeugung und kann die Nachfrage in manchen Ländern auf diesel- oder heizölbetriebene Erzeugung verlagern. Der Schock kann damit vom Gasmarkt auf den bereits angespannten Dieselmarkt zurückwirken und sich anschließend über Transport, Landwirtschaft, Industrie und Haushaltsausgaben zu einem breiten Inflationsdruck ausweiten. Höhere Zinsen können diese Angebotsbeschränkung nicht beseitigen, wohl aber das Wachstum zusätzlich schwächen.
Auf Gold wirken deshalb zwei gegenläufige Kräfte. Geopolitische Unsicherheit und Sorgen um die Finanzstabilität können die Nachfrage nach sicheren Anlagen erhöhen. Das Inflationsrisiko kann zunächst jedoch Erwartungen höherer Zinsen, eines stärkeren Dollars und steigender Anleiherenditen hervorrufen und dadurch den Goldpreis belasten. Eine für Gold günstigere Wende könnte nicht beim ersten Ölpreissprung eintreten, sondern später, wenn ein anhaltender Energieschock Stagflation, wachsende fiskalische Belastungen und sinkende Realrenditen erzeugt.
Die entscheidende Variable ist daher die Dauer. Eine kurze Unterbrechung könnte durch Lagerbestände und alternative Lieferungen aufgefangen werden; eine mehrwöchige oder über Monate wiederkehrende Störung könnte sich dagegen über das gesamte Energiesystem zu einer wirtschaftspolitischen Falle entwickeln. Die vollständige Analyse verfolgt diese Dominokette von der Straße von Hormus über Diesel, LNG, Strom und Inflation bis zum Gold.
Das Ziel von Unus Multorum ist nicht, vorzugeben, was man über ein bestimmtes Ereignis denken soll. Es besteht darin, die Zusammenhänge aufzuzeigen, auf deren Grundlage sich jede Leserin und jeder Leser ein eigenes Urteil bilden kann.
Der ausführliche Inhalt ist nach der Registrierung verfügbar.
Ausführlicher Inhalt