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Wenn hohe Zinsen die Knappheit selbst aufrechterhalten

Die geldpolitische Straffung kann nicht nur die Nachfrage, sondern auch die Fähigkeit der Wirtschaft zum Kapazitätsaufbau schwächen und so Investitionsknappheit teilweise verstetigen.

Wenn hohe Zinsen die Knappheit selbst aufrechterhalten

Höhere Zinsen verringern üblicherweise Kreditaufnahme, Investitionen und Konsum und dämpfen dadurch Nachfrage und Inflation. Sie haben jedoch auch eine weniger sichtbare Wirkung. Indem sie den Wert früher begebener niedrig verzinster Anleihen mindern, können Zinserhöhungen die Finanzierungs- und Kreditvergabefähigkeit der Banken schwächen. Eine Untersuchung der Europäischen Zentralbank zeigt, dass dieser Sicherheitenkanal die Unternehmenskreditvergabe der betroffenen Banken während des Zinserhöhungszyklus 2022–2023 messbar verringerte.

Besonders relevant wird dies, wenn Verteidigung, Energie, Infrastruktur, industrielle Kapazitäten und KI gleichzeitig außergewöhnlich hohe Investitionen erfordern. Staaten und Großunternehmen können weiterhin enorme Summen mobilisieren, doch kleinere und mittlere Lieferanten müssen dieses Finanzkapital in funktionsfähige physische Kapazität umwandeln. Können diese Unternehmen nur zu höheren Zinsen, mit kürzeren Laufzeiten oder in geringerem Umfang Kredite aufnehmen, können sie Maschinen, Lagerbestände und Beschäftigung nicht im Tempo der Aufträge ausbauen.

KI-CAPEX ist daher nicht die Ursache des Problems, sondern ein besonders sichtbarer Beschleuniger. Ein Technologieunternehmen kann über das Geld für ein Rechenzentrum verfügen, dennoch kann das Projekt an fehlenden Transformatoren, Netzanschlüssen, Kühlsystemen oder Baukapazitäten scheitern. Vorauszahlungen und Unternehmensgarantien beseitigen den Finanzierungsbedarf nicht. Sie verlagern ihn von der Bilanz des Lieferanten auf jene des Auftraggebers, der Mittel binden muss, bevor das Projekt Einnahmen erzeugt.

Die Folge kann eine „Fertigstellungsinflation“ sein: Der Abschluss bereits begonnener Projekte wird immer teurer, während Inbetriebnahme und Einnahmen sich verzögern. Längere Bauzeiten erhöhen die Zinskosten, verkürzen die wirtschaftliche Nutzungsdauer der Anlagen und verschlechtern die erwartete Rendite. Kapitalgeber werden dadurch vorsichtiger, die Lieferantenfinanzierung verschlechtert sich weiter und der Kapazitätsaufbau verlangsamt sich erneut.

Der Mechanismus ist noch kein bewiesenes allgemeines Wirtschaftsgesetz, sondern eine überprüfbare Hypothese. Entscheidend wäre, ob sich der Abstand zwischen den Finanzierungskosten großer und kleiner Unternehmen vergrößert, der Zugang zu Betriebskapital verschlechtert, Vorauszahlungsforderungen und Lieferzeiten steigen und angekündigte sowie tatsächlich in Betrieb genommene Kapazitäten dauerhaft auseinanderfallen. Bewegen sich diese Indikatoren gemeinsam, wären hohe Zinsen nicht mehr nur ein Gegenmittel gegen Inflation: Über eine geschwächte Angebotsanpassung könnten sie einen Teil jener Knappheit aufrechterhalten, die sie selbst hoch hält.

Die vollständige Analyse untersucht den von der EZB gemessenen Sicherheitenkanal der Banken, die Finanzierungsengpässe der Lieferanten, die beschleunigende Rolle des KI-CAPEX sowie jene Belege, mit denen sich die Hypothese eines selbstverstärkenden Investitionskreislaufs bestätigen oder widerlegen lässt.

Das Ziel von Unus Multorum ist nicht, vorzugeben, was man über ein bestimmtes Ereignis denken soll. Es besteht darin, die Zusammenhänge aufzuzeigen, auf deren Grundlage sich jede Leserin und jeder Leser ein eigenes Urteil bilden kann.

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